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Infothek

In unserer Infothek werden nach und nach mehrere Artikel veröffentlicht zu Themen der Medienbildung. Hier finden Sie neben grundlegenden Informationen auch Interviews von Expertinnen und Experten sowie Materialien und Linktipps. Den Anfang machen die Themen »Diversität« und »Gegenrede«.

Vielfalt in den Medien

Laptop und im Hintergrund verschiedene Portraits von Menschen unterschiedlicher Herkunft. © Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Medien informieren, erzählen Geschichten und bilden Lebensrealitäten ab. So läuft es zumindest im Optimalfall. Die deutsche Medienlandschaft ist immer noch ziemlich homogen. In einem Artikel des Deutschlandfunks werden Redaktionsstrukturen als »weiß, Mittelschicht, Akademiker, in guten Stadtvierteln zu Hause – und in den Führungsebenen meist männlich« beschrieben. 
Studienergebnisse der Organisation Pro Quote Medien zeigten, dass 98 Prozent der Chefredakteur*innen deutscher Tageszeitungen männlich sind. Ähnliche Machtgefälle herrschen beim Rundfunk und in Online-Redaktionen. Eine Umfrage der Neuen Deutschen Medienmacher*innen hat ergeben, dass nur sechs Prozent der Chefredakteur*innen einen Migrationshintergrund haben. 
Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund sind im Vergleich zum Anteil in der Bevölkerung in der Medienlandschaft massiv unterrepräsentiert. Beide Organisationen fordern deshalb entsprechende Quoten. In Deutschland haben 25,5 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Die Neuen Deutschen Medienmacher*innen argumentieren, dass zugewanderte Menschen als Zielgruppe mitgedacht werden müssen.

Portrait von Nhi Le © Martin Neuhof

Im Folgenden wollen wir uns dem Thema über ein Interview mit Nhi Le aus Leipzig weiter annähern. Nhi Le arbeitet als freie Journalistin, Speakerin und Moderatorin. Ihre Schwerpunkte sind Feminismus und digitale Medienkultur. Sie hat Vorträge und Workshops unter anderem für Stanford University, TEDx und re:publica gehalten. Auf jetzt.de schreibt sie die Medien-Kolumne »The Female Gaze«. Die ZEIT zählt sie zu einer der 100 wichtigsten jungen Ostdeutschen. Nhi Le hat Journalismus und Kommunikations- und Medienwissenschaft in Leipzig, Ohio und den USA studiert. 


1. Wie fühlst Du dich repräsentiert in den Medien?
Nhi Le: Die deutsche Medienlandschaft hat einiges in Sachen Vielfalt aufzuholen. Wenn ich speziell an den Journalismus denke, dann gibt es im Vergleich zum Bevölkerungsanteil viel weniger Frauen und auch noch weniger Menschen mit Migrationsgeschichte. Ich denke, dass gerade migrantische Perspektiven sowohl gesamtgesellschaftlich als auch medial viel zu unterrepräsentiert sind. Natürlich ist die deutsche Mehrheitsgesellschaft weiß, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass alles nicht-weiße als Randerscheinung begriffen wird und das ist falsch. Menschen mit Migrationshintergrund sind genau so ein Teil dieser Gesellschaft, weshalb auch ihre Belange und Lebensrealitäten Gehör und Platz verdienen. 

2. Denkst Du, es sollte eine Art Vielfaltsquote geben in den großen (und kleinen) Medienhäusern?
Nhi Le: Ich bin prinzipiell für Quoten, da die Menschen, für die die Quoten bestimmt sind, einfach weniger Chancen auf entsprechende Positionen haben. Deshalb halte ich auch diese Quote für sinnvoll. 

3. Können Medien, digitale, zur Vielfalt beitragen? Und warum?
Nhi Le: Auf jeden Fall! Medien stellen ja Menschen und ihre Lebensrealitäten dar, sie repräsentieren. Beispielsweise habe ich als Kind kaum asiatische Gesichter im Film oder Fernsehen gesehen und wenn dann oftmals in stereotypen Rollen. Es fehlte das Identifikationspotenzial.
Auch im Journalismus sehe ich es immer wieder, dass diverse Redaktionen mit diversen Perspektiven auch andere Geschichten bringen. Fälschlicherweise geht man immer davon aus, dass der weiß-männliche Blick, der ja in allen Bereichen dominiert, neutral ist. Das kann natürlich nicht stimmen, denn ein älterer weißer Herr aus dem Bürgertum sieht und erlebt die Welt ja anders als beispielsweise eine junge migrantische Frau aus einer Arbeiter*innenfamilie. Medien können zur Vielfalt beitragen, wenn vielfältige Menschen Medien machen. Es ist aber nicht getan, indem man nur eine nicht-weiße Person oder nur eine Frau ins Team holt. 
Ich glaube, dass Netflix bei einigen Projekten eine gute Strategie fährt. Ich denke da zum Beispiel an die Serie »Noch nie in meinem Leben...«, die sowohl vor als auch hinter der Kamera einen sehr diversen Cast hat. Auf Instagram gibt es einige bildungspolitische Angebote, die für eine jugendliche Zielgruppe bzw. ab dem jungen Erwachsenenalter geeignet ist. »Erklär mir mal« erklärt politische Themen aus queerer und postmigrantischer Perspektive. Generell finde ich, dass es auf den sozialen Medien am meisten diverse Angebote gibt, da hier eine gewisse Niedrigschwelligkeit herrscht. Diverse Medienmacher*innen können hier mit eigenen Projekten wie Podcasts oder Blogs starten. Für mich ist es aber auch ein Zeichen dafür, wie undurchlässig und oftmals elitär traditionelle Medienhäuser sind. Da finde ich junge Journalismusangebote wie jetzt, bento oder ze.tt gut, da sie junge Journalist*innen eher eine Chance geben. 

4. Was können Medienpädagog*innen machen, um die Vielfalt zu unterstützen? 
Nhi Le: Das kann in vielerlei Hinsicht umgesetzt werden. Erstens muss darüber nachgedacht werden, welche Zielgruppe erreicht wird. Nicht alle Kinder und Jugendliche haben die gleichen Zugänge zu Bildung. Wie wird sichergestellt, dass man auch mit ihnen zusammenarbeitet? In dem Zusammenhang wäre aber natürlich auch interkulturelles Training oder zumindest Wissen von Vorteil. Der andere Punkt bezieht sich auf die Materialien und Beispiele. Da wäre es gut, nicht immer auf Materialien zurückzugreifen, die immer nur die gleiche weiß- deutsche Lebensrealität abbilden.

 

Quellen zum Text und Links zu weiterführenden Materialien

Gegenrede - Wie man Hass im Netz begegnet

Herz mit der Aufschrift No Hate

Hass und Diskriminierung in sozialen Netzwerken kann dazu führen, demokratiefeindliche Einstellungen und Verhaltensweisen zu befördern oder gar zu festigen. Seit einigen Jahren wird in der breiten Öffentlichkeit darüber diskutiert, auf welche Art und Weise politische und gesellschaftliche Debatten im Internet geführt werden. Die sozialen Netzwerke bieten einerseits die Möglichkeit, digital in einen weltweiten Dialog zu treten und können gleichzeitig Nährboden für Hass, Hetze und Diskriminierung sein. Auch wenn Hassreden bereits vor der Einführung des Internets existierten, so hat es den Anschein, dass sich mittlerweile eine ganz neue Qualität entwickelt hat.

Der Begriff Hate Speech (zu deutsch: Hassrede) umfasst nach einer Definition des Europarates dabei

»[...] jegliche Ausdrucksformen, welche Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder andere Formen von Hass, die auf Intoleranz gründen, propagieren, sie fördern und rechtfertigen [...].«

und richtet sich zumeist gegen Personen, die einer Gruppe zugeordnet werden können.

Uns interessiert in diesem Zusammenhang, was Hate Speech eigentlich ist und wie ich auf diskriminierende Aussagen reagieren kann. Diese und weitere Fragen haben wir der Expertin Sabine Kirst, Referentin im Bereich Medienbildung und Medienkompetenz der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (SLpB), gestellt:

1. Frau Kirst, wie erkenne ich eigentlich Hate Speech und ab wann sollte ich mich einklinken/ einmischen?

Sabine Kirst: Hassrede erkennt man daran, dass in Kommentaren in sozialen Netzwerken oder aber auch offline in persönlichen Gesprächen andere Personen oder Personengruppen sprachlich durch Beschreibungen herabgesetzt, beleidigt oder verunglimpft werden. Das können diskriminierende oder gar volksverhetzende Äußerungen sein. Grundsätzlich sollten solche Äußerungen nicht unwidersprochen bleiben. Einklinken sollte man sich immer dann, wenn man auf die Frage »Teile ich diese Meinung?« ein ganz mieses Bauchgefühl bekommt. 

2. Was kann ich konkret tun, wenn ich Hate Speech im Netz sehe? 

Sabine Kirst: Die erste Hürde, die man überwinden muss, ist der eigene innere »Schweinehund«. Auch hier hilft es, sich in die Lage der beleidigten oder verunglimpften Person hinein zu versetzen: »Was wäre, wenn ich damit gemeint wäre?«. Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie man auf Hassrede reagieren kann: man kann Beiträge bei den Plattformen oder Seitenbetreibern zur Überprüfung melden. Es gibt auch Organisationen wie z. B. Jugendschutz.net, die man auf solche Beiträge hinweisen kann. Die Kolleg*innen dort sehen sich dann an, worum genau es sich handelt und werden dann aktiv. Wer sich das allein nicht traut, kann auch ganz einfach eine Vertrauensperson fragen, wie er oder sie reagieren würde und dann kann man gemeinsam überlegen und aktiv werden. »Melden« ist ein sehr drastischer Schritt, der wohl überlegt sein sollte. Zum anderen kann man auch direkt auf einen Hasskommentar antworten. Hier gilt es, sachlich zu bleiben und klar zu benennen, warum man die Auffassung nicht teilt oder warum man selbst die Äußerung des Anderen als Hassrede einschätzt. Das signalisiert allen »stillen« Mitleser*innen, dass Widerspruch möglich und auch nötig ist. Auch hier sollte man sich vorher überlegt haben, wie und was man antworten möchte und ab wann für einen selbst die Grenze erreicht ist. Drittens kann man auch für reflektierte Kommentare ein LIKE verteilen oder auch in einer PN mitteilen, dass man den Widerspruch wahrgenommen hat. Das kann die andere Person ermutigen, zukünftig weiter an Diskussionen teilzunehmen.

3. Welche erfolgreichen Gegensprechstrategien haben Sie bereits erlebt bzw. angewendet?

Sabine Kirst: Erlebt habe ich zum Beispiel Memes als Gegenstrategie, als Jerôme Boateng von einer großen Autoverleihfirma gegenüber einer politischen Partei in Schutz genommen wurde. Das war dringend geboten und absolut auf den Punkt. Bevor man Gegenstrategien allerdings anwendet, muss man sich immer der sprachlichen Bilder bewusst sein, die Hasspostings oder Hasskommentare beinhalten können. Alltägliche Begriffe werden umgedeutet, sprachlich kodifiziert oder drastische Äußerungen werden verharmlost. Je nach Hassstrategie wäre dann eine entsprechende Gegenstrategie zu wählen, und zwar so, dass man die Vorurteile und den Hass nicht wiederholt oder verstärkt, sondern entkräftet. Je klarer man die Hassstrategie benennen kann, desto besser kann man auch reagieren. Zum Beispiel lohnt es sich nicht, endlos Argumente auszutauschen. Wenn man den eigenen Standpunkt zwei- bis dreimal untermauert hat, kann man sich höflich aber bestimmt aus der Diskussion verabschieden. Vollkommen indiskutabel sind die Leugnung und Verharmlosung nationalsozialistischer Verbrechen, Aufrufe zu Gewalt oder Straftaten sowie volksverhetzende und in der Menschenwürde verletzende Kommentare. Da gibt es keinen Platz mehr für Gegenstrategien. Solche Kommentare stehen außerhalb des demokratischen Konsens‘. Da würde ich einen Screenshot machen und entsprechend online-Anzeige bei der Polizei erstatten. 

4. Gegenrede/Counter Speech kann Hate Speech kurzzeitig verstärken. Wie gehe ich mit Shitstorm um? 

Sabine Kirst: Da muss man genau unterscheiden: trifft mich der Shitstorm als Privatperson oder in meiner beruflichen Tätigkeit, als online Redakteur*in zum Beispiel. Redaktionen ist anzuraten, sich für den Krisenfall eine Handlungskette zu überlegen und sich daran zu halten. Hier gibt es einige nennenswerte Handreichungen, die sehr lohnenswert sind. Die darin enthaltenden Hinweise sind gut adaptierbar. Allerdings, und das ist das Schwierige an Shitstorms, so plötzlich wie sie auftreten können, so schnell können sie auch wieder abflauen. Als Privatperson würde ich ähnlich verfahren. Hier gilt es zusätzlich, besonders aufmerksam gegenüber unterschwelligen oder versteckten Drohungen zu sein. Daher wäre auch hier der erste Schritt, weitere Personen zu informieren und ggf. gemeinsam weitere Schritte zu überlegen. 

5. Was kann seitens der Bildungsinstitutionen getan werden, um Kinder und Jugendliche gegen mediale Manipulation und Netzpropaganda zu sensibilisieren?

Sabine Kirst: Da kommen wir zunehmend in einen anderen Bereich – den Bereich der Medienkritik bzw. Nachrichtenkompetenz. Wichtig ist der reflektierte Umgang mit Quellen. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass es mitunter anstrengend und zeitaufwendig ist, Quellen oder Berichte zu überprüfen. Und, dass es wichtig ist, Fragen zu stellen und neugierig zu bleiben. Zweitens ist es wichtig, sich einmal in diejenigen hineinzuversetzen, die zum Beispiel mit manipulierten Informationen bestimmte Ziele erreichen wollen. Wahlkämpfe sind da ein sehr aktuelles Beispiel. Wie müsste man vorgehen, um eine bestimmte Wählerschaft zu erreichen? Was müsste man sagen oder schreiben, das deren Nerv trifft? Und vor allen Dingen, wie muss ich diese Informationen streuen, dass sie als möglichst glaubwürdig oder seriös eingeschätzt werden. Da sind wir also bei Sprache und Bildern und wie sie eingesetzt werden, um Emotionen zu beeinflussen. Das sind nur zwei mögliche Ansatzpunkte, die ich jedoch für sehr, sehr wichtig halte. 

 

Materialien zum Thema Hassrede und Gegenrede

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