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Infothek

In unserer Infothek werden nach und nach mehrere Artikel veröffentlicht zu Themen der Medienbildung. Hier finden Sie neben grundlegenden Informationen auch Interviews von Expertinnen und Experten sowie Materialien und Linktipps. Den Anfang machen die Themen »Digitale Radikalisierungsprävention«, »Vernetzung und Netzwerke«, »Diversität« und »Gegenrede«.

Medienkompetenz zur Prävention von Rechtsextremismus?

Bild von Joshua Woroniecki auf Pixabay  

Die Radikalisierung von jungen Erwachsenen ist ein Thema von derzeit hoher Relevanz. Betrachtet man rechtsextreme Radikalisierungstendenzen in Deutschland, steht ganz besonders Sachsen vor großen Herausforderungen. Die Amadeu-Antonio Stiftung sammelte kürzlich in einem Artikel Studienergebnisse zu rechtsextremer Gewalt in Ostdeutschland und weißt hier unter anderem auf eine Tendenz hin, dass die meisten Angriffe rechter Gewalt in Sachsen stattfinden.

Eine weitere Statistik besagt, dass allein im Jahr 2020 insgesamt 208 Angriffe rechter Gewalt in Sachsen stattgefunden haben sollen.

In Deutschland arbeiten daher viele Bildungsträger daran, diesen Tendenzen durch präventive Maßnahmen und Bildungsangeboten entgegenzuwirken. In öffentlichen Diskursen steht nicht selten die Frage im Raum, welche Rolle Medien für die Verbreitung und Verfestigung von extremistischen Einstellungen einnehmen. Eins ist deutlich: Medien und der Zugang zum Internet ist für junge Menschen allgegenwärtig und selbstverständlich geworden. Soziale Netzwerke sind große und wichtige Bestandteile der Jugendkultur geworden und spielen in Sozialisierungsprozessen und in der Identitätsfindung der Jugendlichen eine wichtige Rolle. Die Ergebnisse der JIM Studie des medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest 2020 zeigten, dass 94 % der Jugendlichen ein Smartphone, Computer oder Laptop besitzen. Das bedeutet, dass fast alle Jugendliche in Deutschland über ihre mobilen Endgeräte unbegrenzten Zugang zu allen Inhalten im Internet haben. Eine weitere Befragung weist darauf hin, dass 45 % der Interviewten  in den letzten Monaten mit extremen politischen Ansichten konfrontiert wurden und Jüngere berichten von Desinformation und der Verbreitung extremistischer Inhalte im Netz.

Doch welche Rolle spielen digitale Räume, Online-Welten und somit auch Soziale Medien in den Radikalisierungsprozessen vieler junger Menschen? Kann Medienbildung und Medienkompetenz zur Prävention von Rechtsextremismus beitragen? Diese und weitere Fragen beantwortete uns Adrian Stuiber, welcher seit mehreren Jahren als Medienpädagoge in der digitalen Radikalisierungsprävention tätig ist. Für das Projekt streetwork@online (AVP e.V.) war er auf den »Digitalen Straßen« unterwegs und suchte in (Online-)Communities das Gespräch mit jungen Menschen. Seit 2021 ist er als freiberuflicher Referent, Dozent und Berater für verschiedene Institutionen und Träger im deutschsprachigen Raum tätig.

1. Was versteht man unter Online-Streetwork?

Adrian Stuiber: Online-Streetwork ist aufsuchende mobile Sozialarbeit mit dem Ziel, Menschen in problematischen Lebenslagen in deren Lebens- und Sozialraum anzutreffen, proaktiv anzusprechen und niedrigschwellige Hilfestellung anzubieten. Online-Streetworkerinnen und Streetworker suchen – analog zu ihren Kolleginnen und Kollegen offline – den Kontakt mit der Zielgruppe auf den digitalen Straßen ihrer Online-Lebenswelt. Das findet, bspw. beim Präventionsprojekt streetwork@online, in den sozialen Netzwerken Facebook, Instagram, YouTube und TikTok statt.

2. Warum muss kritische Medienbildung in der Radikalisierungsprävention von jungen Menschen gestärkt und gefördert werden?

Adrian Stuiber: Zunächst einmal finde ich, dass kritische Medienbildung grundsätzlich und altersunabhängig gestärkt und gefördert werden sollte. Mit der Digitalisierung und seit der Entstehung der sozialen Netzwerke um die Jahrtausendwende herum, hat sich so viel getan und gesellschaftlich verändert. Inhaltlich und thematisch haben wir mittlerweile einen nahezu unbegrenzten Zugang zu »Wissen« und allen anderen Informationen, die sonst so durchs Netz geistern. Die Art der Informationsübermittlung hat sich grundlegend geändert und dadurch, dass plötzlich alle Menschen ihre Meinung kundtun können und das häufig ungehemmt durch die mögliche Anonymität tun, werden wir überflutet mit widersprüchlichen Informationen, Leaks zu politischen Themen, unausweichlichen Bildern aus Krisengebieten uvm. Das kann unser Vertrauen in etablierte Medien oder teilweise sogar das gesamte System in Frage stellen. Der Wahrheitsbegriff wird, durch die Sichtbarkeit von so vielen unterschiedlichen, teils kontroversen Perspektiven, neu definiert. Menschen wie Donald Trump wären, meiner Meinung nach, ohne die aktive (Aus-)Nutzung der sozialen Medien, nicht an die Macht gekommen und auch viele Extremistinnen und Extremisten machen sich die neuen Möglichkeiten der »Meinungsmache« zu Nutze, um Menschen für ihre Interessen zu mobilisieren. Das wird dann auch schnell in der Offline-Welt spürbar und heute ist auch Politik kaum noch ohne die sozialen Netzwerke denkbar.

In diesen digitalen Räumen bewegen sich auch oder insbesondere tagtäglich junge Menschen, größtenteils schon ab einem sehr jungen Alter und erleben meist ungefiltert, was dort geschieht. Bei Jugendlichen kommt noch hinzu, dass sie irgendwann, entwicklungsbedingt, auf der Suche nach neuen Vorbildern und Ankern sind, um ihre eigene Identität zu bilden (Adoleszenzphase). Sie stellen sich viele, grundsätzliche und individuelle Fragen und stoßen dabei natürlich auch im Internet auf teilweise sehr fragwürdige und oft absolute Antworten. Genau hier setzt die Medienpädagogik, aber auch die digitale Jugendarbeit an. Und ohne eine gesunde, gestärkte Resilienz, kann der digitale Raum für uns schnell zu einem Katalysator bei Radikalisierungsprozessen werden.

3. Mit welchen Methoden wird in der digitalen Radikalisierungsprävention gearbeitet?

Adrian Stuiber: Aus meiner Erfahrung heraus, versuche ich das mal über zwei verschiedene Ansätze zu beschreiben: Zum einen gibt es das große, diverse Feld der Online-Beratungen. Dorthin können sich Personen anonym und verschlüsselt per Mail oder Chat wenden. Zielgruppen sind Menschen, die entweder selbst in einem radikalen, bis extremistischen Umfeld unterwegs sind und einen »neutralen« Austausch suchen bis hin zur Ausstiegsberatung; oder auch Menschen, die in ihrem Umfeld mit solchen Menschen zu tun haben und Unterstützung suchen (Angehörige, Lehrkräfte, Pädaoginnen und Pädagogen uvm.).

Und der Bereich, indem ich mich am besten auskenne: Das Online-Streetwork. Wie schon in Frage 1 beschrieben, ist es eine niedrigschwellige und sehr direkte Möglichkeit mit seinen Zielgruppen in Kontakt zu kommen. Grundsätzlich werden zwei Methoden unterschieden:

  • Content based Online-Streetwork bezeichnet die Kontaktaufnahme durch eigene Inhalte (engl. content), wie Videos, Bilder oder Texte auf eigener Webpräsenz oder in relevanten Gruppen. Über die Inhalte wird eine Brücke zur Zielgruppe aufgebaut, um darüber ins Gespräch bzw. in die Beziehungsarbeit zu kommen.
  • Non content based Online-Streetwork beschreibt die proaktive Ansprache der Zielgruppe direkt in den sozialen Netzwerken beispielsweise durch Beiträge in Kommentarspalten oder Einzelchats.

Wie das genau funktioniert, kann man in der Broschüre »Online-Streetwork - Ein erweiterter Ansatz der aufsuchenden Jugendarbeit & Radikalisierungsprävention« (Link dazu unten) nachlesen.

4. Sind Medien für die Verbreitung und Verfestigung extremistischer Einstellungen verantwortlich?

Adrian Stuiber: Ein klares Jein. Grundsätzlich sehe ich Medien an als eine Möglichkeit Informationen zu übermitteln. Diese codierten Informationen (bspw. in Form von Wort, Bild, Video etc.) werden zwischen einer sendenden zu einer empfangenden Person übertragen. Die Subjektivität jedes einzelnen Individuums trägt dazu bei, dass diese Informationen zunächst individuell wahrgenommen und dann noch interpretiert werden. So würde ich die Verantwortlichkeit eher sowohl auf der sendenden als auch auf der empfangenden Seite sehen. Bestimmte Eigenschaften von Medien, wie schon in Frage 2 beschrieben, können aber dazu beitragen, dass bspw. Radikalisierungsprozesse begünstigt werden. Am Ende ist der bewusste Umgang damit der entscheidende Faktor und dazu zählt für mich auch die Verantwortung derjenigen, die Medieninhalte zur Verfügung stellen (öffentlich-rechtliche und private Sender, Medienkonzerne usw.).

5. Können sie zur Prävention von Rechtsextremismus, Salafismus und anderen Strömungen beitragen?

Adrian Stuiber: Ja, das würde ich schon sagen. Medien können sowohl für die Verbreitung und Verfestigung von radikalen bis extremistischen Strömungen, als auch für das Gegenteil genutzt werden.

 

Quellen zum Text und Links zu weiterführenden Materialien

Netzwerke schaffen (Medien-)Bildung

Das Bild zeigt ein Netzwerk aus bunten Fäden. © Omar Flores von unsplash

Warum sind Netzwerke im Bereich Medienbildung wichtig? Was bringen sie für den Einzelnen und was für die Gemeinschaft? Welche Netzwerke existieren bereits in Sachsen? Und welche Bereiche der Medienbildung könnten durch eine Netzwerkbildung voneinander profitieren?

Diese und andere Fragen wurden beim Fachtag »Netz.Werke - Vernetzung der Medienbildung in Sachsen« diskutiert. Insgesamt trafen sich am 08.12.2020 über 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus unterschiedlichen Institutionen und tauschten sich online aus. Neben Medienpädagoginnen und Medienpädagogen waren Kinder- und Jugend-, Senioren- und Familienbildnerinnen und -bildner vertreten. Es zeigte sich ein breites Interesse.

Nicht erst seit der Coronapandemie steht die Medienbildung im schulischen und außerschulischen Bereich vor großen Herausforderungen. Medienbildung erstreckt sich auf alle Lebensbereiche und wird zunehmend bedeutungsvoller. Die Nachfrage nach Handlungsanleitungen, Tipps und Tricks im Umgang mit digitalen Medien in Familie und Schule war nie größer. Medienpädagogische Angebote in Form von Informationsveranstaltungen, Fortbildungen, Workshops und Kursen werden auch online stärker nachgefragt. Damit man gemeinsam die neuen Herausforderungen bewältigt, ist der Zusammenschluss zu Netzwerken nicht nur ratsam, sondern notwendig.

Was zeichnet Netzwerke und Netzwerkarbeit aus?

  • Wertschätzende Zusammenarbeit

In Netzwerken arbeiten Einzelpersonen und Institutionen wertschätzend und verlässlich zu einem gesetzten Thema zusammen. Im Wesentlichen geht es um einen Informations- und Erfahrungsaustausch und darum sich gemeinsam für eine Sache zu engagieren. Eine gute Kooperation gelingt, wenn die Stärken jedes Einzelnen und jeder Institution sichtbar gemacht und einbezogen werden. Dafür benötigt es einen offenen und vertrauensvollen Umgang, klare Verabredungen sowie lösungs- und sachorientiertes Handeln bei Konflikten.

  • Bündelung von Kompetenzen und Ressourcen

Das Arbeiten in Netzwerken bringt viele Vorteile mit sich. Durch die unterschiedlichen Kompetenzen der Mitglieder kommt es zur Konzentration und Bündelung von Ressourcen. Die gemeinsamen Schnittstellen werden ausgelotet, es werden Entscheidungen getroffen und das gemeinsame Vorgehen wird abgestimmt. Durch das Zusammenwirken entstehen Synergien, die zu neuen Projekten und Kooperationen führen.

  • Netzwerke sichern Kooperationen und Nachhaltigkeit

Das Arbeiten in Netzwerken erleichtert das Erreichen der eigenen Arbeitsziele. Man kann sich im Netzwerk abstimmen, austauschen und durch Kooperation Arbeit erleichtern und voranbringen. Beispielsweise wird seit vielen Jahren das bundesweite Gamescamp – ein Barcamp für computerspielbegeisterte Jugendliche - von Trägerverbänden aus Deutschland umgesetzt. Im Netzwerk wird voneinander gelernt, Ressourcen und Kompetenzen werden gebündelt und gemeinsam wird das Angebot weiter entwickelt. Vernetzung ist eine wichtige Voraussetzung für eine Verbesserung von Angeboten und für die Stabilisierung von Kooperationen. Sie ermöglicht eine stetige Weiterentwicklung und wirkt somit nachhaltig.

Die Angebote der Medienbildung im Land Sachsen sind bereits sehr vielfältig. Einen Überblick über bestehende regionale Netzwerke finden Sie auf unserer Seite unter Netzwerke. Gemeinsam gilt es diese zu erweitern und auszubauen.

Interview mit Josephine Reußner, Referentin für das Projekt »Lokale Netzwerke«

Warum lokale Netzwerke sinnvoll sind und wie sie in ihrer Zusammenarbeit gut gelingen können, haben wir mit Josephine Reußner besprochen. Sie ist Referentin für den Bereich »Lokale Netzwerke« innerhalb der vom BMFSFJ geförderten Inititaive »Gutes Aufwachsen mit Medien«. Das Initiativbüro berät und begleitet bestehende lokale Netzwerke, die im Bereich der Medienkompetenzförderung für Kinder und Jugendliche aktiv sind und unterstützt die Bildung neuer Netzwerke.

1. Warum sind Netzwerke im Bereich Medienbildung wichtig?

Josephine Reußner: Bereits Babys und Kleinkinder kommen beim Aufwachsen mit Medien in Berührung. Viele Eltern und pädagogische Fachkräfte fühlen sich im Bereich Medienbildung überfordert, sind sie doch selbst nicht in dieser Form mit Medien aufgewachsen. Deshalb benötigt es Netzwerke für die Stärkung der Medienkompetenz. In sogenannten »Lokalen Netzwerken für ein Gutes Aufwachsen mit Medien« engagieren sich Akteurinnen und Akteure der Kinder-, Jugend- oder Familienhilfe mit medienpädagogischen Institutionen gemeinsam vor Ort, damit Kinder, Jugendliche und Familien souverän, reflektiert und verantwortungsbewusst mit Medien umgehen lernen. Durch die Begleitung der Angebote im Netzwerk können auch pädagogische Fachkräfte eine eigene Haltung entwickeln und praxisnah Medienbildung erfahren. Im Netzwerk können Kompetenzen, Ressourcen ausgetauscht und voneinander gelernt werden. Sie können innovative Angebote entwickeln und sogar neue Zielgruppen individuell durch die Partner vor Ort erreichen. Die Netzwerkakteurinnen und -akteure führen gemeinsame Veranstaltungen durch, teilen ihr Wissen, Räumlichkeiten oder auch ihre Medientechnik. Durch die Zusammenarbeit entwickeln sie sich zu (medien-) kompetenten Ansprechpartnern vor Ort und können den Herausforderungen der Digitalisierung gemeinsam entgegengehen.

2. Welches sind gelingende Bedingungen um eine Netzwerkarbeit voran zu treiben?

Josephine Reußner: Grundsätzlich hilft es, ein gemeinsames Ziel – Medienkompetenz von Kindern, Jugendlichen und Familien zu stärken – zu verfolgen. Jede und jeder Netzwerkakteurin und -akteur bringt die eigenen Stärken ein. Dafür ist ein gegenseitiges Verständnis und vor allem Geduld fundamental.

»Von Vorteil sind Toleranz und Offenheit für neue Wege z. B. in der Umsetzung von Praxisprojekten oder in der Ansprache der Zielgruppen.«

Es ist wichtig, alle Netzwerkakteurinnen und -akteure mitzunehmen und gemeinsam das Netzwerk auf die Beine zu stellen. Hilfreich für die Zusammenarbeit sind auch verlässliche Strukturen im Netzwerk, wie ein regelmäßiger bedarfsorientierter Austausch und feste Verantwortlichkeiten. Von Vorteil sind Toleranz und Offenheit für neue Wege z. B. in der Umsetzung von Praxisprojekten oder in der Ansprache der Zielgruppen. Zu guter Letzt darf auch eine aktive Vernetzung nach außen nicht aus den Augen verloren werden, denn starke Netzwerke sind keine starren Netzwerke.

3. In ihrer Arbeit unterstützen Sie die Bildung neuer Partnerschaften und somit neuen Netzwerken. Wie viel Zeit braucht der Aufbau von einem lokalen Netzwerk? Welches sind die größten Hürden?

Josephine Reußner: Erfahrungsgemäß ist dieser Prozess sehr unterschiedlich. Mal dauert es Jahre, um Überzeugungsarbeit zu leisten, alle Netzwerkakteurinnen und -akteure im Prozess mitzunehmen, Fördertöpfe zu akquirieren oder eine Struktur der wertschätzenden Zusammenarbeit aufzubauen. Mal geht es schneller z. B. wenn sich die Netzwerkakteurinnen und -akteure bereits kennen, Vertrauen besteht und Abläufe eingespielt sind. Zu den größten Hürden zählt eine verlässliche Struktur – das Netzwerk muss erst gemeinsam laufen lernen, in dem alle Netzwerkakteuerinnen und -akteure aktiv ihre Stärken beitragen, das Nehmen und Geben im Netzwerk verinnerlicht haben, eine wertschätzende Kommunikationskultur pflegen und bereit sind das Netzwerk lebendig zu gestalten.

4. Wie schätzen Sie die Bedarfe im ländlichen und städtischen Raum ein, sehen sie hier Bedarfs- und Strategieunterschiede?

»Netzwerke im ländlichen Raum müssen oft kreativer und geduldiger ihre Angebote bewerben, sich der Nachteile bewusst sein und nach individuellen Lösungen suchen.«

Josephine Reußner: Während im ländlichen Raum Netzwerkeinrichtungen meist regional verstreut liegen, gibt es in Städten mehr Nähe unter den Netzwerkakteurinnen und -akteure. Auch bieten hier die Strukturen häufig eine vielfältigere Angebotskultur. Im ländlichen Raum müssen Referentinnen und Referenten und Teilnehmende weite Anfahrtswege überwinden. Im städtischen Raum gibt es häufiger gesicherte Finanzierungen beispielsweise durch die städtische Verwaltung oder die Landesmedienanstalt. Netzwerke im ländlichen Raum müssen oft kreativer und geduldiger ihre Angebote bewerben, sich der Nachteile bewusst sein und nach individuellen Lösungen suchen. Aber die geografische Lage hat keine Auswirkungen auf spannende medienpädagogische Angebote im Netzwerk, mit denen sie Kinder, Jugendliche oder Familien begeistern können.

Vielen Dank für das Interview.

Hier finden Sie den Erklärfilm der Initiative »Gutes Aufwachsen mit Medien« zum Thema Lokale Netzwerke.

 

Netzwerke der Medienbildung in Sachsen und bundesweit

Im Folgenden finden Sie eine Sammlung an regionalen und bundesweiten Netzwerken der Medienbildung.

Vielfalt in den Medien

Laptop und im Hintergrund verschiedene Portraits von Menschen unterschiedlicher Herkunft. © Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Medien informieren, erzählen Geschichten und bilden Lebensrealitäten ab. So läuft es zumindest im Optimalfall. Die deutsche Medienlandschaft ist immer noch ziemlich homogen. In einem Artikel des Deutschlandfunks werden Redaktionsstrukturen als »weiß, Mittelschicht, Akademiker, in guten Stadtvierteln zu Hause – und in den Führungsebenen meist männlich« beschrieben.

Studienergebnisse der Organisation Pro Quote Medien zeigten, dass 98 Prozent der Chefredakteur*innen deutscher Tageszeitungen männlich sind. Ähnliche Machtgefälle herrschen beim Rundfunk und in Online-Redaktionen. Eine Umfrage der Neuen Deutschen Medienmacher*innen hat ergeben, dass nur sechs Prozent der Chefredakteurinnen und Chefredakteure einen Migrationshintergrund haben.

Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund sind im Vergleich zum Anteil in der Bevölkerung in der Medienlandschaft massiv unterrepräsentiert. Beide Organisationen fordern deshalb entsprechende Quoten. In Deutschland haben 25,5 Prozent der Bevölkerung einen Migrationshintergrund. Die Neuen Deutschen Medienmacher*innen argumentieren, dass zugewanderte Menschen als Zielgruppe mitgedacht werden müssen.

Portrait von Nhi Le © Martin Neuhof

Im Folgenden wollen wir uns dem Thema über ein Interview mit Nhi Le aus Leipzig weiter annähern. Nhi Le arbeitet als freie Journalistin, Speakerin und Moderatorin. Ihre Schwerpunkte sind Feminismus und digitale Medienkultur. Sie hat Vorträge und Workshops unter anderem für Stanford University, TEDx und re:publica gehalten. Auf jetzt.de schreibt sie die Medien-Kolumne »The Female Gaze«. Die ZEIT zählt sie zu einer der 100 wichtigsten jungen Ostdeutschen. Nhi Le hat Journalismus und Kommunikations- und Medienwissenschaft in Leipzig, Ohio und den USA studiert. 

1. Wie fühlst Du dich repräsentiert in den Medien?

Nhi Le: Die deutsche Medienlandschaft hat einiges in Sachen Vielfalt aufzuholen. Wenn ich speziell an den Journalismus denke, dann gibt es im Vergleich zum Bevölkerungsanteil viel weniger Frauen und auch noch weniger Menschen mit Migrationsgeschichte. Ich denke, dass gerade migrantische Perspektiven sowohl gesamtgesellschaftlich als auch medial viel zu unterrepräsentiert sind. Natürlich ist die deutsche Mehrheitsgesellschaft weiß, aber manchmal habe ich das Gefühl, dass alles nicht-weiße als Randerscheinung begriffen wird und das ist falsch. Menschen mit Migrationshintergrund sind genau so ein Teil dieser Gesellschaft, weshalb auch ihre Belange und Lebensrealitäten Gehör und Platz verdienen. 

2. Denkst Du, es sollte eine Art Vielfaltsquote geben in den großen (und kleinen) Medienhäusern

Nhi Le: Ich bin prinzipiell für Quoten, da die Menschen, für die die Quoten bestimmt sind, einfach weniger Chancen auf entsprechende Positionen haben. Deshalb halte ich auch diese Quote für sinnvoll. 

3. Können Medien, digitale, zur Vielfalt beitragen? Und warum?

Nhi Le: Auf jeden Fall! Medien stellen ja Menschen und ihre Lebensrealitäten dar, sie repräsentieren. Beispielsweise habe ich als Kind kaum asiatische Gesichter im Film oder Fernsehen gesehen und wenn dann oftmals in stereotypen Rollen. Es fehlte das Identifikationspotenzial.

Auch im Journalismus sehe ich es immer wieder, dass diverse Redaktionen mit diversen Perspektiven auch andere Geschichten bringen. Fälschlicherweise geht man immer davon aus, dass der weiß-männliche Blick, der ja in allen Bereichen dominiert, neutral ist. Das kann natürlich nicht stimmen, denn ein älterer weißer Herr aus dem Bürgertum sieht und erlebt die Welt ja anders als beispielsweise eine junge migrantische Frau aus einer Arbeiter*innenfamilie. Medien können zur Vielfalt beitragen, wenn vielfältige Menschen Medien machen. Es ist aber nicht getan, indem man nur eine nicht-weiße Person oder nur eine Frau ins Team holt.

Ich glaube, dass Netflix bei einigen Projekten eine gute Strategie fährt. Ich denke da zum Beispiel an die Serie »Noch nie in meinem Leben...«, die sowohl vor als auch hinter der Kamera einen sehr diversen Cast hat. Auf Instagram gibt es einige bildungspolitische Angebote, die für eine jugendliche Zielgruppe bzw. ab dem jungen Erwachsenenalter geeignet ist. »Erklär mir mal« erklärt politische Themen aus queerer und postmigrantischer Perspektive. Generell finde ich, dass es auf den sozialen Medien am meisten diverse Angebote gibt, da hier eine gewisse Niedrigschwelligkeit herrscht. Diverse Medienmacher*innen können hier mit eigenen Projekten wie Podcasts oder Blogs starten. Für mich ist es aber auch ein Zeichen dafür, wie undurchlässig und oftmals elitär traditionelle Medienhäuser sind. Da finde ich junge Journalismusangebote wie jetzt, bento oder ze.tt gut, da sie junge Journalist*innen eher eine Chance geben. 

4. Was können Medienpädagog*innen machen, um die Vielfalt zu unterstützen?

Nhi Le: Das kann in vielerlei Hinsicht umgesetzt werden. Erstens muss darüber nachgedacht werden, welche Zielgruppe erreicht wird. Nicht alle Kinder und Jugendliche haben die gleichen Zugänge zu Bildung. Wie wird sichergestellt, dass man auch mit ihnen zusammenarbeitet? In dem Zusammenhang wäre aber natürlich auch interkulturelles Training oder zumindest Wissen von Vorteil. Der andere Punkt bezieht sich auf die Materialien und Beispiele. Da wäre es gut, nicht immer auf Materialien zurückzugreifen, die immer nur die gleiche weiß- deutsche Lebensrealität abbilden.

 

Quellen zum Text und Links zu weiterführenden Materialien

Gegenrede - Wie man Hass im Netz begegnet

Herz mit der Aufschrift No Hate

Hass und Diskriminierung in sozialen Netzwerken kann dazu führen, demokratiefeindliche Einstellungen und Verhaltensweisen zu befördern oder gar zu festigen. Seit einigen Jahren wird in der breiten Öffentlichkeit darüber diskutiert, auf welche Art und Weise politische und gesellschaftliche Debatten im Internet geführt werden. Die sozialen Netzwerke bieten einerseits die Möglichkeit, digital in einen weltweiten Dialog zu treten und können gleichzeitig Nährboden für Hass, Hetze und Diskriminierung sein. Auch wenn Hassreden bereits vor der Einführung des Internets existierten, so hat es den Anschein, dass sich mittlerweile eine ganz neue Qualität entwickelt hat.

Der Begriff Hate Speech (zu deutsch: Hassrede) umfasst nach einer Definition des Europarates dabei

»[...] jegliche Ausdrucksformen, welche Rassenhass, Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus oder andere Formen von Hass, die auf Intoleranz gründen, propagieren, sie fördern und rechtfertigen [...].«

und richtet sich zumeist gegen Personen, die einer Gruppe zugeordnet werden können.

Uns interessiert in diesem Zusammenhang, was Hate Speech eigentlich ist und wie ich auf diskriminierende Aussagen reagieren kann. Diese und weitere Fragen haben wir der Expertin Sabine Kirst, Referentin im Bereich Medienbildung und Medienkompetenz der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung (SLpB), gestellt:

1. Frau Kirst, wie erkenne ich eigentlich Hate Speech und ab wann sollte ich mich einklinken/ einmischen?

Sabine Kirst: Hassrede erkennt man daran, dass in Kommentaren in sozialen Netzwerken oder aber auch offline in persönlichen Gesprächen andere Personen oder Personengruppen sprachlich durch Beschreibungen herabgesetzt, beleidigt oder verunglimpft werden. Das können diskriminierende oder gar volksverhetzende Äußerungen sein. Grundsätzlich sollten solche Äußerungen nicht unwidersprochen bleiben. Einklinken sollte man sich immer dann, wenn man auf die Frage »Teile ich diese Meinung?« ein ganz mieses Bauchgefühl bekommt. 

2. Was kann ich konkret tun, wenn ich Hate Speech im Netz sehe? 

Sabine Kirst: Die erste Hürde, die man überwinden muss, ist der eigene innere »Schweinehund«. Auch hier hilft es, sich in die Lage der beleidigten oder verunglimpften Person hinein zu versetzen: »Was wäre, wenn ich damit gemeint wäre?«. Es gibt mehrere Möglichkeiten, wie man auf Hassrede reagieren kann: man kann Beiträge bei den Plattformen oder Seitenbetreibern zur Überprüfung melden. Es gibt auch Organisationen wie z. B. Jugendschutz.net, die man auf solche Beiträge hinweisen kann. Die Kolleg*innen dort sehen sich dann an, worum genau es sich handelt und werden dann aktiv. Wer sich das allein nicht traut, kann auch ganz einfach eine Vertrauensperson fragen, wie er oder sie reagieren würde und dann kann man gemeinsam überlegen und aktiv werden. »Melden« ist ein sehr drastischer Schritt, der wohl überlegt sein sollte. Zum anderen kann man auch direkt auf einen Hasskommentar antworten. Hier gilt es, sachlich zu bleiben und klar zu benennen, warum man die Auffassung nicht teilt oder warum man selbst die Äußerung des Anderen als Hassrede einschätzt. Das signalisiert allen »stillen« Mitleser*innen, dass Widerspruch möglich und auch nötig ist. Auch hier sollte man sich vorher überlegt haben, wie und was man antworten möchte und ab wann für einen selbst die Grenze erreicht ist. Drittens kann man auch für reflektierte Kommentare ein LIKE verteilen oder auch in einer PN mitteilen, dass man den Widerspruch wahrgenommen hat. Das kann die andere Person ermutigen, zukünftig weiter an Diskussionen teilzunehmen.

3. Welche erfolgreichen Gegensprechstrategien haben Sie bereits erlebt bzw. angewendet?

Sabine Kirst: Erlebt habe ich zum Beispiel Memes als Gegenstrategie, als Jerôme Boateng von einer großen Autoverleihfirma gegenüber einer politischen Partei in Schutz genommen wurde. Das war dringend geboten und absolut auf den Punkt. Bevor man Gegenstrategien allerdings anwendet, muss man sich immer der sprachlichen Bilder bewusst sein, die Hasspostings oder Hasskommentare beinhalten können. Alltägliche Begriffe werden umgedeutet, sprachlich kodifiziert oder drastische Äußerungen werden verharmlost. Je nach Hassstrategie wäre dann eine entsprechende Gegenstrategie zu wählen, und zwar so, dass man die Vorurteile und den Hass nicht wiederholt oder verstärkt, sondern entkräftet. Je klarer man die Hassstrategie benennen kann, desto besser kann man auch reagieren. Zum Beispiel lohnt es sich nicht, endlos Argumente auszutauschen. Wenn man den eigenen Standpunkt zwei- bis dreimal untermauert hat, kann man sich höflich aber bestimmt aus der Diskussion verabschieden. Vollkommen indiskutabel sind die Leugnung und Verharmlosung nationalsozialistischer Verbrechen, Aufrufe zu Gewalt oder Straftaten sowie volksverhetzende und in der Menschenwürde verletzende Kommentare. Da gibt es keinen Platz mehr für Gegenstrategien. Solche Kommentare stehen außerhalb des demokratischen Konsens‘. Da würde ich einen Screenshot machen und entsprechend online-Anzeige bei der Polizei erstatten. 

4. Gegenrede/Counter Speech kann Hate Speech kurzzeitig verstärken. Wie gehe ich mit Shitstorm um? 

Sabine Kirst: Da muss man genau unterscheiden: trifft mich der Shitstorm als Privatperson oder in meiner beruflichen Tätigkeit, als online Redakteur*in zum Beispiel. Redaktionen ist anzuraten, sich für den Krisenfall eine Handlungskette zu überlegen und sich daran zu halten. Hier gibt es einige nennenswerte Handreichungen, die sehr lohnenswert sind. Die darin enthaltenden Hinweise sind gut adaptierbar. Allerdings, und das ist das Schwierige an Shitstorms, so plötzlich wie sie auftreten können, so schnell können sie auch wieder abflauen. Als Privatperson würde ich ähnlich verfahren. Hier gilt es zusätzlich, besonders aufmerksam gegenüber unterschwelligen oder versteckten Drohungen zu sein. Daher wäre auch hier der erste Schritt, weitere Personen zu informieren und ggf. gemeinsam weitere Schritte zu überlegen. 

5. Was kann seitens der Bildungsinstitutionen getan werden, um Kinder und Jugendliche gegen mediale Manipulation und Netzpropaganda zu sensibilisieren?

Sabine Kirst: Da kommen wir zunehmend in einen anderen Bereich – den Bereich der Medienkritik bzw. Nachrichtenkompetenz. Wichtig ist der reflektierte Umgang mit Quellen. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass es mitunter anstrengend und zeitaufwendig ist, Quellen oder Berichte zu überprüfen. Und, dass es wichtig ist, Fragen zu stellen und neugierig zu bleiben. Zweitens ist es wichtig, sich einmal in diejenigen hineinzuversetzen, die zum Beispiel mit manipulierten Informationen bestimmte Ziele erreichen wollen. Wahlkämpfe sind da ein sehr aktuelles Beispiel. Wie müsste man vorgehen, um eine bestimmte Wählerschaft zu erreichen? Was müsste man sagen oder schreiben, das deren Nerv trifft? Und vor allen Dingen, wie muss ich diese Informationen streuen, dass sie als möglichst glaubwürdig oder seriös eingeschätzt werden. Da sind wir also bei Sprache und Bildern und wie sie eingesetzt werden, um Emotionen zu beeinflussen. Das sind nur zwei mögliche Ansatzpunkte, die ich jedoch für sehr, sehr wichtig halte. 

 

Materialien zum Thema Hassrede und Gegenrede

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